„Wir sind nicht nur verantwortlich für das was wir tun, sondern
auch für das, was wir widerspruchslos hinnehmen.“
Ernst Bloch (Philosoph, 1885-1977)
Im Februar 1987 haben sich NaturwissenschaftlerInnen in der Initiative "Verantwortung
für Frieden und Zukunftsfähigkeit" zusammen gefunden, um als
Teil der Friedensbewegung ihre spezifischen professionellen Kompetenzen für
eine Welt ohne Krieg und Gewalt, für die Kontrolle und Beseitigung atomarer,
chemischer, biologischer und konventioneller Waffensysteme, für Friedens-
und Abrüstungsforschung und für soziale, ökologische und humane
Technikgestaltung einzusetzen.
NaturwissenschaftlerInnen und IngenieurInnen sind die Protagonisten des Industriesystems:
Sie erforschen, entwickeln und bauen die naturwissenschaftlich-technischen
Geräte und Systeme, die seit der industriellen Revolution die Welt verändert
haben. War bisher Analyse, Kritik und Kontrolle der Rüstungs- und Waffentechnik
das Hauptarbeitsgebiet unserer Initiative, ist in den letzten Jahren die zivile
„Alltagstechnik“ und das materielle Wachstum als Gefahr für
die Biosphäre und damit für die menschliche Existenz in ihr verstärkt
in den Blick gekommen. Öffentlich diskutiert wird derzeit fast nur das
Klimaproblem, das im Wesentlichen mit dem weiter steigenden Verbrauch fossiler
Energieträger zusammenhängt. Wir sehen aber generell einen Raubbau
an den anorganischen und biologischen Ressourcen der Natur, der inzwischen
die Reproduktivität der nutzbaren Flächen auf dem Land und im Meer
akut gefährdet.
Der infolge des materiellen Wachstums stetig wachsende Rohstoffverbrauch hat
entsprechend dem Entropiegesetz auch negative Folgelasten, welche die Biosphäre
belasten: Emission von Klimagasen, Müllproduktion von Elektronikschrott
bis zu Chemieabfällen, freigesetzte chemische und pharmazeutische sowie
biologisch aktive sowie radioaktive Stoffe, Verlust der Artenvielfalt und
Artensterben, Zerstörung der produktiven Flächen, der Wälder
und der Wasserversorgung für große Teile der Erdbevölkerung.
Wir engagieren uns deshalb auch gegen das ökonomische Paradigma des ständigen
„Mehr“ der marktradikalen, globalisierten Geldwirtschaft und bemühen
uns um Aufklärung von Öffentlichkeit, Politik, Gewerkschaften und
Unternehmen über die systemischen Gefahren durch weiteres materielles
Wachstum und dessen Grenzen.
Naturwissenschaft und Technik haben sich seit der industriellen Revolution
der Aufgabe verschrieben, dieses „Mehr“ technisch, energetisch
und stofflich möglich zu machen. Wir wissen und erleben heute, dass die
Ideologie ständigen ökonomischen Wachstums in der bisherigen, durch
Ressourcen-Raubbau und fossile oder atomare Energie angetriebenen Form geschichtlich
bald überholt und heute mehr Teil des Problems als Teil der Lösung
ist. Die technische Nutzung der Kernspaltung ist eines von vielen Beispielen
dafür, dass Naturwissenschaft und Technik Konzepte angeboten haben, die
nicht nur mit illusionären Versprechen verbunden waren, sondern sich
in der militärischen und zivilen Variante gleichermaßen als gefährlich
und zerstörerisch erwiesen haben
Nach dem Ende der militärischen Konfrontation von Kapitalismus und „real
existierendem“ Sozialismus, zweier politisch unterschiedlicher, in der
Ausbeutung der Natur und ihrer Technikgläubigkeit aber sehr ähnlicher
Systeme, werden „moderne“ Kriege bei fortdauerndem Wachstumsanspruch
heute verschärft um immer knapper werdende energetische und stoffliche
Ressourcen geführt. Das Ungleichgewicht zwischen den reichen und den
armen Ländern führt auch wegen der stofflichen Geschlossenheit unserer
Geobiosphäre zunehmend zu Konflikten. Unser Engagement für Frieden
und Abrüstung kann deshalb nur wirksam sein, wenn Ökonomie und Technik
den natürlichen Gegebenheiten angepasst, die begrenzten Ressourcen international
gerecht verteilt werden und die Belastung der Biosphäre drastisch eingeschränkt
wird.
Deshalb arbeiten wir gemeinsam mit anderen Nichtregierungsorganisationen neben
unserem gesellschaftlichen Engagement für Frieden, Abrüstung und
Nachhaltigkeit an praktischen Projekten einer an Humanität und Nachhaltigkeit
orientierten Naturwissenschaft und Technik, die stofflich und ökonomisch
eingebettet ist in die Natur und in die soziale und kulturelle Diversität
menschlicher Gesellschaften. Solche Projekte wachsen auch durch das Engagement
von NaturwissenschaftlerInnen und IngenieurInnen, die grundsätzlich,
spätestens aber seit dem ersten Bericht des Club of Rome, um die Grenzen
des Wachstums wissen und folglich ihre professionelle Kompetenz statt zur
ständigen Steigerung des stofflichen und energetischen Umsatzes zu dessen
Minimierung bei größtmöglichem Nutzen für alle Menschen
einsetzen.
Unsere Ziele sind:
Wir wollen die Rolle der „erfinderischen Zwerge, die für alles
gemietet werde können“ (B. Brecht, „Galilei“) überwinden
und fühlen uns als WissenschaftlerInnen und BürgerInnen dazu verpflichtet,
mit unseren Arbeiten und Überlegungen über die traditionellen Grenzen
der Fachwissenschaft in Forschung, Lehre und Praxis hinauszugehen. Deshalb
engagieren wir uns in Zusammenarbeit und im Zusammenwirken mit anderen berufsbezogenen
Initiativen politisch und gesellschaftlich entsprechend dem Vorbild von NaturwissenschaftlerInnen
und IngenieurInnen wie Klara Immerwahr, Albert Einstein, Josef Rotblat, Dorothy
Hodgkin, Joseph Weizenbaum, Hans-Peter Dürr und vielen anderen.
© NaturwissenschaftlerInnen Initiative